"Der Falsche König" ist der 2. Teil der Mystery-World-Reihe und für Jugendliche ab 12 Jahren.
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Der falsche König
LESEPROBE 1
So etwas wie seine Krone hatte es noch nie gegeben. Niemand wusste, dass er den königlichen Schmieden den Auftrag dafür schon vor Maliks Tod erteilt hatte. Das Metall, aus dem sie gefertigt war, schimmerte schwarz wie Obsidian, durchzogen von feinen silbernen Linien. Ihre Oberfläche ähnelte den Schuppen eines Drachen, und unter den schwarzen Zacken funkelten blutrote Rubine. Ein passender Vergleich, wie Eren fand. Denn es war Blut geflossen, dafür, dass er dieses Zeichen der Macht nun tragen durfte.
Nach Maliks Ermordung war natürlich die wichtigste Frage gewesen, wer sein Nachfolger werden sollte. Nachdem zwei Könige in so kurzer Zeit gestorben waren – einer von ihnen von seiner eigenen Leibwache ermordet – herrschte im ganzen Reich große Unruhe. Also musste man so schnell wie möglich einen neuen König bestimmen; denn ein Streit zwischen Fürsten und anderen Adeligen hätte womöglich in einem Bürgerkrieg geendet, und das war das Letzte, was das Land nun gebrauchen konnte.
Nur deshalb war die Wahl schnell auf Eren gefallen.
Er hatte Erfahrung, was Regierungsentscheidungen betraf und konnte vermutlich am besten mit der jetzigen Situation umgehen. Außerdem wäre er schon nach Hamzas Tod an der Reihe gewesen, hätte Hamza nicht seinen Berater Malik als seinen Nachfolger auserwählt. Warum Hamza diese unübliche Entscheidung getroffen hatte, war vielen in Kayseri klar: Eren war hart und grausam und hatte seinen gütigen Bruder zutiefst verachtet.
Doch auch die zwölf Ratsmitglieder, die reichsten, mächtigsten und klügsten Männer des Landes, fürchteten Eren und seinen Zorn. Sie wagten es nicht, sich offen gegen ihn zu stellen. Dies war wohl der wichtigste Grund, warum sie fast einstimmig Eren als neuen König von Kayseri gewählt hatten.
Nur einer, ein langjähriger Freund Hamzas, hatte Einspruch erhoben, doch seine Einwände wurden nicht gehört.
Eren kratzte sich am Bart. Immer dieser elende Fürst Kaladon. Wieso sollte er nicht in den nächsten Tagen einen tragischen Unfall erleiden?

Der falsche König
LESEPROBE 2
Sultan Murad saß in seinem Diwan-Saal, auf einem Stuhl aus kostbarem Ebenholz. In diesem Raum, an dem mächtigen Schreibtisch führte er wichtige politische Gespräche, verfasste oder unterschrieb Verträge und traf nicht selten schicksalhafte Entscheidungen. Nur eine Handvoll Personen hatten Zutritt zu diesem Raum, der im Westflügel der Zitadelle lag, unweit der privaten Gemächer des Sultans.
Nachdenklich drehte er den schweren Goldring an seinem Finger – den Ring, den er niemals ablegte. Er war meisterhaft gearbeitet und hatte die Form eines Falkenkopfes. Im Schnabel des Greifvogels steckte ein glasklarer Diamant. Der Ring war schon seit Generationen im Besitz seiner Familie, und er würde ihn an seine Nachkommen vermachen und so die Tradition weiterführen.
Auf der Pergamentrolle, die er nun schon seit einer ganzen Weile studierte, war sein eigenes Reich zu sehen, Karsien. Daneben die kleineren Nachbarländer: Alkuyat, Alyaman, Alreiaq. Die Länder gegen die er Krieg führte, seine Feinde. Er wollte sie erobern, um sein Reich weiter zu vergrößern und mehr Seehäfen für den Handel zur Verfügung zu haben.
Die Kriegshandlungen dauerten bereits länger an, als er erwartet hatte. Länger, als gut für sein Reich war. Fast ein halbes Jahr war es her, seit die ersten Kämpfe begonnen hatten.
Die angegriffenen Länder hatten sich zusammengeschlossen und sich heftig gewehrt. Es hatte bereits unzählige Schlachten gegeben, in denen auf beiden Seiten viele Krieger gefallen waren.
Karsien war inzwischen weiter nach Alyaman und Alreiraq vorgedrungen, doch der vernichtende Hieb war noch nicht gelungen. Auch Alkuyat blieb nach wie vor standhaft und König Darun dachte nicht an Kapitulation.
Schon mehrmals hatte der Sultan mit dem Gedanken gespielt, seine Streitmächte zurückzuziehen und den Krieg zu beenden. Doch dann hätte er viele hundert mutige Soldaten sinnlos in den Tod geschickt. Und welch Demütigung wäre es, unverrichteter Dinge wieder abzuziehen! Aufzugeben, wie ein Feigling! Nein, Sultan Murad von Karsien war von edlem Blut und hatte ein tapferes Herz. Er würde sich nicht geschlagen geben, ehe er sein Ziel erreicht hätte. Er hatte eine Vision, in der Karsien zu alter Größe und Macht aufstieg, in der die Sonne in seinem Land immer schien und die Ernten gut waren. Wenn er dieses Ziel nur erst erreicht hätte, müssten die Leute keinen Hunger mehr leiden, die Kinder hätten zu essen und müssten nicht mehr im Dreck der Gassen spielen.
Ein Lächeln spielte um seine Lippen, als er daran dachte.
Das laute Klopfen an der Tür riss den Sultan aus seinen Gedanken.
»Aidkuhl!«, rief er barsch. Wer wagte es, ihn zu stören, während er über die Zukunft seines Landes nachdachte?

Der falsche König
LESEPROBE 3
»Das – das ist ein Greif, oder?«, fragte Tim ehrfürchtig.
Matteo nickte stumm.
Der Greif – halb Löwe, halb Adler – gehörte zu den beeindruckendsten Wesen, die die Freunde je gesehen hatten. Kaum ein Tier in der gesamten Mystery World konnte sich mit seiner Stärke, Eleganz und Macht messen. Der muskulöse Körper war gut fünf Meter lang und mit buschigem, goldenem Fell bedeckt, das in der Sonne glänzte wie eine Rüstung.
Doch die riesigen, braun gefiederten Flügel, mit Schattierungen von Blau und Grün, waren die eines prächtigen Adlers. Die Tatzen endeten nicht in Raubtierklauen, sondern in den Fängen eines Greifvogels. Der mächtige Kopf war von einer Mähne aus silbernem Fell und Federn eingerahmt. Über einem gebogenen Adlerschnabel blitzten zwei tödlich blickende, bernsteinfarbene Augen.
Das Wesen strahlte zugleich Gefährlichkeit und atemberaubende Anmut aus.
Der Greif kämpfte auf der Seite von Kayseri und wurde gerade von einem Pulk karsischer Soldaten angegriffen. Sie stießen mit Speeren und Schwertern nach ihm und beschossen ihn mit Pfeilen. Doch die eisernen Spitzen und blanken Schneiden prallten wirkungslos an ihm ab, als bestünde sein Fell aus hartem Metall.
...
Der Greif war von karsischen Soldaten umringt, die mit ihren Speeren auf ihn einstachen.
»Die machen ihn nur noch wütender«, knurrte Ben. »Sie müssen doch sehen, dass es keinen Sinn hat, auf ihn einzuschlagen. Das ist reiner Selbstmord!«
»Hört auf!«, rief Tim, als sie nahe genug waren. Die karsischen Soldaten stutzten und blickten auf.
»Lasst das!«, schrie nun auch Lena mit fester Stimme und hob die Hand mit dem Ring des Sultans.
Die Männer waren offenkundig verwirrt. Wer waren die drei? Und warum trug dieses Mädchen den Ring ihres Sultans?
»Hört auf!«, rief Lena. »Geht zur Seite! Er tut euch nichts, wenn ihr ihm nichts tut!«
Der Greif schlug weiterhin wütend um sich, und die Soldaten wichen zurück. Lena trat vor und hob die Hand. Sie musste wahrlich einen seltsamen Anblick für die karsischen Krieger abgeben. Ein junges Mädchen mit dem Ring des Sultans, der an ihrem Finger glänzte und sein warmes Licht verströmte. Darin schimmerte das Fell des Greifs wie Gold.
Das riesige Geschöpf fuhr herum und fixierte das Mädchen mit seinen bernsteinfarbenen Augen, wie eine Katze einen Vogel.
Lena schluckte. Sie war keine fünf Schritte von diesem todbringenden Wesen entfernt. Mit Pferden zu sprechen und sie zu beruhigen war eine Sache, ein legendäres Zauberwesen wie der Greif eine ganz andere. »Ruhig«, flüsterte sie. »Ruhig. Diese Männer haben dir wehgetan, oder? Aber ich will dich nicht verletzen. Wir sind Freunde. Wir wollen dich von diesen Ketten befreien.« Mit jedem Wort machte sie einen kleinen Schritt nach vorn. Der Blick des Greifs hing an ihr, folgte jeder ihrer Bewegungen.
»Das war König Eren, nicht wahr? Er hat dir das angetan.« Sie deutete auf die schweren Eisenketten um seinen kräftigen Körper. »Er benutzt dich als eine seiner Kriegsmaschinen. Aber du willst frei sein, oder? Du willst kein Gefangener mehr sein, du willst fliegen.«
Als hätte er die Worte verstanden, neigte der Greif leicht den Kopf, und seine Haltung entspannte sich.
»Mach weiter, Lena«, hörte sie ihren Bruder von hinten. »Er hört dir zu. Er versteht dich.«
Mit beruhigender Stimme sprach Lena weiter, versuchte, ihre Furcht zu überspielen. »Wir wollen dich von diesen Ketten befreien. Auch wir waren Erens Gefangene. Er ist ein abscheuliches Monster, nicht?«
Der Greif schnaubte. Die Mähne aus Federn und Fell richtete sich auf. Seine Augen blitzten.
Lena war nur noch einen Meter von dem riesigen Schnabel entfernt. Sie hätte ihn berühren können, hätte sie nicht zu viel Angst gehabt.


